Wie ich mein Doktorat neben dem Vollzeitjob geschafft habe

Ich habe mein gesamtes Studium mit Auszeichnung abgeschlossen, fast immer daneben gearbeitet und vor drei Wochen mein Doktorat vollendet. Während des Doktoratsstudiums habe ich Vollzeit gearbeitet, als externer Lektor an der Uni unterrichtet und regelmäßig auf dieser Website gepostet.

Vielleicht hast du schonmal mit dem Gedanken gespielt berufsbegleitend zu studieren oder tust das bereits. Dieser Artikel soll dir zeigen, welche Grundsätze mir dabei am meisten geholfen haben. Dies lässt sich nicht nur auf ein Studium übertragen, sondern auf alle Projekte, die du bei einem vollen Terminkalender vorantreiben möchtest.

Kreative Arbeit ist hart

Die Kurse im Doktorat waren für mich kein Problem. Der Weg ist vorgegeben und klar strukturiert. Man weiß also genau was zu tun ist. Einfach hineinzubeißen nach der Arbeit ist nur eine Frage der Disziplin. Damit kann ich gut umgehen.

Die weitaus größere Herausforderung ist kreative Arbeit, was Forschung nunmal zu einem großen Teil ist. Man muss die Literatur anderer Forschenden lesen und Ideen sammeln, was interessant sein könnte, umsetzbar ist und trotzdem noch niemand gemacht hat.

Zu Beginn ist man einfach nur verloren.

Sich nach der Arbeit aufzuraffen, um für eine Prüfung zu lernen, für die der Stoff vorgegeben ist, ist machbar. Hingegen ins Blaue hinein zu lesen, ohne zu wissen, ob sich daraus eine Idee ergibt, ist verdammt hart.

Ich wusste nicht in welche Richtung ich arbeiten soll und ob es überhaupt realistisch ist, jemals abzuschließen. Zu Beginn dachte ich noch ich schreibe eine Monografie, also ein langes Werk, für meine Dissertation. Das ist tendenziell leichter, da man sich auf ein Thema und eine Literatur fokussieren kann. Doch es ist mittlerweile in den meisten Fächern sehr unüblich.

Trotzdem habe ich bestimmt ein Jahr damit verbracht ein Konzept für eine Monografie auszuarbeiten, dass ich dann gänzlich gekübelt habe. Da kamen sofort die Zweifel, ob man überhaupt irgendwann in eine brauchbare Richtung läuft.

Durch meine Arbeit in der Praxis kam mir dann eine Idee, die sich für ein eigenständiges Paper eignen würde „The Bond Agio Premium”.

Damit war auch klar, dass ich eine kumulative Dissertation verfassen werde, also mehrere Forschungsprojekte, die zusammen die Dissertation ergeben. Das hatte für mich den Vorteil, dass man Etappen am Weg zum Ziel hat, die abgeschlossen werden können. Diese Zwischenziele waren leichter zu verfolgen, als Abschluss einer ewig langen Arbeit.

Und für mich noch viel wichtiger, die einzelnen Forschungsprojekte der kumulativen Dissertation können mit Co-Autoren verfasst werden. Wie sehr mir das geholfen hat, findest du weiter unten, bei den konkreten Schritten.

Wissen worauf man sich einlässt

Es ist verdammt hart.

Ich würde mich selbst als mental stark und sehr diszipliniert einschätzen. Trotzdem hat mich das Doktorat an meine Grenzen gebracht. Wie gut es in der Forschung und somit im Doktorat läuft, hat meine Stimmung mehr geprägt, als mir lieb war. Es war einfach ständig im Hinterkopf.

Das Hauptproblem war die Unsicherheit. So oft habe ich etwas ausprobiert, das zu nichts geführt hat. Natürlich lernt man auch dabei etwas, aber regelmäßig an etwas zu arbeiten, dass dann sowieso nicht verwendet wird, ist mühselig.

Außerdem ist man wahnsinnig von anderen Menschen abhängig. Wird man bei Konferenzen akzeptiert? Gefällt dem Editor die Idee? Welche Referees bekommt man nach dem Einreichen beim Journal?

Ablehnung gehört einfach dazu. Jeder ist gestresst und kann nicht Stunden mit deiner Forschungsarbeit verbringen. Da kommt es schonmal vor, dass etwas missverstanden oder übersehen wird.

Selbst Top-Professoren bekommen wohl weit mehr Ablehnungen als positive Nachrichten. Und auch in der positiven Nachricht steht nur all das, was derzeit noch falsch läuft und überarbeitet werden muss.

Zudem ist das Feedback zeitlich immer sehr verzögert. Wird man schlussendlich bei einem Journal akzeptiert, ist dies oft Jahre nachdem man eigentlich mit der Arbeit fertig war.

Deshalb ist es so enorm wichtig, dass du das Studium aus einer inneren Motivation heraus antreibst: Freude am Lernen, der Kontakt zu spannenden Persönlichkeiten und die Neugierde.

Die kleinen Erfolge bei der Datenanalyse waren großartig. Beim Programmieren um 6:00 in der Früh hat man plötzlich Glücksgefühle, weil man etwas geschafft oder interessante Ergebnisse gefunden hat.

Genau weil es so hart ist, sind diese kleinen Wins umso schöner.

Wenn du das Studium also nur wegen dem Titel machst, würde ich es dir keinesfalls empfehlen. Solltest du unbedingt den Titel wollen, dann konzentriere dich 3-4 Jahre Vollzeit darauf, beiß durch und versuche schnellstmöglich abzuschließen. Dass du glücklich damit wirst, wage ich zu bezweifeln.

Was mir am meisten geholfen hat

Nun aber zum wichtigsten Teil dieses Artikels, nämlich jene Schritte, die mir am meisten geholfen haben und hoffentlich auch dir in der Erreichung deiner Ziele helfen.

Fixe Routine

Zu Beginn meines Doktorats habe ich versucht abends und an den Wochenenden daran zu arbeiten. Das hat gar nicht gut funktioniert.

Ständig kommt etwas dazwischen und man hat sowieso einen vollen Kopf am Ende des Tages.

Der größte Sprung in meinem Fortschritt kam als ich mich dazu entschloss, täglich von 6:00-7:00 vor der Arbeit an meiner Forschung zu arbeiten.

Ein Stunde klingt nicht nach viel, aber es ist die produktivste Stunde meines Tages. Um 6:00 kommt nichts dazwischen, das Handy ist ruhig und ich bin völlig frisch im Kopf.

Und das Wichtigste ist, dass man durch die Routine ständig dran bleibt.

Wenn man alle 2 Wochen mehrere Stunden an der Dissertation sitzt, dauert es schonmal lange, bis man wieder hineinfindet. Wenn man jeden Tag daran arbeitet, weiß man genau mit welchem Absatz oder in welcher Zeile Code man aufgehört hat und es geht nahtlos weiter.

Perfektionismus ablegen

Es ist deutlich einfacher sich für eine Überarbeitung eines bereits bestehenden Texts aufzuraffen, als die Angst vor der leeren Seite zu überwinden.

Das Schreiben kam bei mir immer dann, wenn die Ergebnisse großteils ausprogrammiert waren.

Das Ziel war dann, täglich zumindest eine halbe Seite zu schreiben. An schlechten Tagen kam ich geradeso hin und ich musste im Nachgang drüberarbeiten. An guten Tagen ergaben sich auch 2 Seiten, die fast zur Gänze so in die Arbeit kamen.

So oder so kam ich meinem Ziel täglich einen Schritt näher.

Du solltest dich also auf den täglichen Fortschritt konzentrieren und nicht darauf, Tag für Tag eine perfekte Arbeit abzuliefern.

Raus aus der Komfort-Zone

Unbedingt wollte ich die Chance nutzen, im Doktorat noch Auslandserfahrung an einer Top-Uni zu sammeln. Auch wenn ich dadurch weg aus meinem gewohnten Umfeld und von meinen geliebten Menschen wäre, wusste ich, dass es eine Erfahrung sein würde, an die ich mich ein Leben lang gerne zurückerinnere.

Doch warum sollte sich jemand die Zeit für einen unbekannten Studenten, von einer vergleichsweise kleinen österreichischen Universität, nehmen?

Ich habe unzählige ProfessorInnen angeschrieben, die in meinem Bereich der empirischen Anleihenbepreisung forschen. Manche waren sehr nett, lehnten aber ab, da sie keine Zeit für mich hatten. Die meisten schrieben gar nicht zurück.

Für eine kurze Zeit war ich schon recht sicher, dass ich nach Schweden ans Swedish House of Finance gehen darf. Vom leitenden Professor hatte ich die Zusage, doch von der Administration kam drei Monate später die Nachricht, dass sie in ein neues Büro gezogen sind und schon für die eigenen Froschenden nicht genug Platz haben. Zu dieser Zeit hatte ich beim Schwedisch lernen bereits einen Duolingo Streak von 100 Tagen. Somit war auch das vom Tisch.

Über 2 Jahre plante ich meinen Aufenthalt. Kaum etwas funktionierte. Ich war soweit, dass ich zu meiner Verlobten sagte, wenn sich nicht bald etwas ergibt, muss ich akzeptieren, dass der Auslandsaufenthalt nichts mehr wird.

Und plötzlich bekam ich drei Zusagen in einer Woche. Selbst ein Star-Professor an der renommierten EPFL in Lausanne hätte mir angeboten in die Schweiz zu kommen, da nun doch ein Platz frei geworden war, nachdem er mir 2 Monate davor abgesagt hat. In Oslo hatte ich da bereits zugesagt.

Im Endeffekt war es perfekt, dass es so lange gedauert hat einen Platz zu finden. Denn ich war bereits in einem Stadion meines Doktorats, in dem ich wusste in welche Richtung es geht. Ich brauchte nur Zeit und die hatte ich in Oslo massig. Oft war ich auch am Wochenende im Büro und hab einfach genossen, so viel Zeit für mein Studium investieren zu können.

Aktiv auf Menschen zugehen

Vergangenes Jahr durfte ich also fünf Monate an der BI Norwegian Business School in Oslo verbringen. Dort hatte ich ein eigenes Büro am Finance Institut und war völlig frei.

Ich hab bei Professoren angeklopft oder ihnen eine Anfrage für einen gemeinsamen Kaffee oder ein gemeinsames Mittagessen geschickt.

Fürchte dich auch nicht davor, deine Ideen zu teilen.

Klar gibt es Fälle, bei denen Ideen gestohlen werden. Allerdings glaube ich, dass es weit mehr Forschungsideen gibt, die nie umgesetzt wurden, weil man sich nicht getraut hat sie zu teilen.

Vielleicht hat die andere Person schon in eine ähnliche Richtung gearbeitet, hat wertvolles Feedback für dich oder freut sich über neue Erkenntnisse von dir.

So haben sich Forschungsprojekte mit internationalen Top-ProfessorInnen ergeben, von denen ich unfassbar viel lerne. Außerdem macht das Arbeiten im Team deutlich mehr Freude und hält dich verantwortlich.

Mit meiner Co-Autorin der New York University hatte ich eine Zeit lang wöchentlich zwei Meetings. Natürlich versucht man bei jedem Meeting Fortschritte diskutieren zu können und das treibt einen an.

Wissen das der Abschluss nichts verändert

Ich weiß es ist klischeehaft, aber es ist tatsächlich der Weg, der das Studium ausmacht. Der Lernfortschritt, der Umgang mit Ablehnungen und das Selbstvertrauen, das durchzuziehen, was man sich vornimmt.

Unzählige spannende Persönlichkeiten hätte ich ohne mein Studium nie kennengelernt. Und auch Erfahrungen wie eine Konferenz in Rimini, ein PhD-Kurs in Kopenhagen und ein 5-monatiger Forschungsaufenthalt in Oslo wurden nur durch mein Doktoratsstudium möglich.

Während des gesamten Studiums war mir bewusst, dass der Abschluss an sich nichts verändern wird. Viel wichtiger ist, wie ich in dieser Zeit als Person gewachsen bin und das hat nichts mit dem Abschluss zu tun.

Jedenfalls bin ich wahnsinnig dankbar, das Ziel erreicht zu haben und die Unterstützung von so vielen großartigen Menschen erhalten zu haben!

Never stop growing and never let your past be bigger than your future!

Falls dich interessiert, wie meine Dissertation aussieht, findest du sie hier: Zur Dissertation.

Buchempfehlungen

Konzentriert Arbeiten – Cal Newport

Slow Productivity – Cal Newport

Abschließend noch ein Zitat von Edmund Hillary:

„It is not the mountain we conquer but ourselves.“

Hier eine Bücherliste, falls du auf der Suche nach neuen Büchern bist. Wenn du noch nie Hörbücher probiert hast, kann ich dir das Probeabo von Audible empfehlen. Kostet nichts, ist jederzeit kündbar und du kannst dir das Buch auch nachher noch behalten.

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