Das Leben ist wie Poker, nicht Schach

Was war deine beste Entscheidung in den letzten zehn Jahren? Nimm dir kurz Zeit, darüber nachzudenken. Was waren die Konsequenzen, dieser Entscheidung?

Ich wette, dass das Ergebnis positiv war. Hätte es auch eine gute Entscheidung sein können, ohne guten Outcome? Wir setzen die Qualität der Entscheidung mit dem Ergebnis gleich. Dabei können deine besten Entscheidungen katastrophal enden, während miese Entscheidungen belohnt werden.

Das Leben ist nunmal nicht so simpel. Darum ist es umso wichtiger, uns damit auseinanderzusetzen, wie wir unsere Entscheidungen treffen. Das Leben ist dabei wie Pokern, doch leider gehen wir eher wie an ein Schachspiel an unsere Entscheidungen heran.

Ergebnisverzerrung

Unreflektiert unterliegen wir wohl alle der Ergebnisverzerrung. Dabei handelt es sich um eine gut erforschte kognitive Verzerrung, die im englischen als Resulting oder Outcome Bias bezeichnet wird.

Denk nochmal kurz an deine eingangs erwähnte beste Entscheidung. Das Ergebnis war mit Sicherheit positiv, denn sonst würdest du sie nicht als gut einstufen.

Doch sagt das Ergebnis allein, ob eine Entscheidung richtig war?

Eines der berühmtesten Beispiele der Ergebnisverzerrung im Sport sind die letzten Sekunden des Super Bowl XLIX im Jahr 2015 zwischen den Seattle Seahawks und den New England Patriots. Mit 26 Sekunden auf der Uhr standen die Seahawks mit 4 Punkten Rückstand an der 1-Yard-Linie der Patriots.

Jeder erwartete, dass Pete Carroll, der Head Coach der Seahawks, den Call für einen Laufspielzug geben würde, da die Seahawks mit Marshawn Lynch einen der besten Running Backs der Zeit hatten.

Allerdings gibt Pete Carroll dem Quarterback Russell Wilson den Call für einen Pass. Die Patriots intercepten den Pass und gewinnen wenige Sekunden später den Super Bowl.

Ich kann mich noch genau an die Szene erinnern und an meine damit verbundene Enttäuschung. Der erste Reflex war für mich zu denken: „Was für eine dämliche Entscheidung”.

Die Kritik in den Medien lies selbstverständlich nicht auf sich warten:

USA Today: „What on Earth Was Seattle Thinking with Worst Play Call in NFL History?”

Seattle Times: „Seahawks Lost Because of the Worst Call in Super Bowl History”

Doch war es wirklich eine dämliche Entscheidung?

Unser Rückschaufehler

Eng mit dem Outcome Bias verbunden ist der Hindsight Bias, also der Rückschaufehler.

Wir bewerten die Entscheidung als dämlich, weil wir wissen, wie der Spielzug ausgegangen ist. Doch das Ergebnis war zum Zeitpunkt der Entscheidung noch nicht bekannt.

In der Saison 2014/15 wurden 66 Würfe von der 1-Yard-Linie kein einziges Mal intercepted. In den vergangenen 15 Saisonen lag die Rate der Interceptions dieser Versuche bei gerade mal 2 Prozent. Die Chance für diesen Outcome war verdammt gering. Außerdem hätte ein Fehlversuch wertvolle Zeit auf der Uhr gelassen.

Pete Carroll war bewusst, dass all die Kritiker dem Rückschaufehler und der Ergebnisverzerrung unterliegen.

Vier Tage nach dem Super Bowl sagte er in der Today Show:

„It was the worst result of a call ever,” denn „The call would have been a great one if we catch it. It would have been just fine, and nobody would have thought twice about it.”

Wäre der Spielzug aufgegangen oder einfach nicht gefangen worden, hätte niemand darüber gesprochen.

Je geringer eine Wahrscheinlichkeit ist, desto mehr Datenpunkte brauchen wir, um beurteilen zu können, ob eine Entscheidung gut oder schlecht ist.

Fußball ist beispielsweise ein „low-scoring” Sport. Dementsprechend spielt Glück eine wichtige Rolle. Als überlegene Mannschaft gewinnt man vielleicht 90 Prozent der Spiele gegen einen unterlegenen Gegner. Doch es gibt trotzdem die unangenehmen 10 Prozent, in denen das Glück einfach nicht auf der richtigen Seite ist.

Auch Baseball ist ein Beispiel für einen low-scoring Sport. Was der Grund ist, warum es in der regulären Saison eine unglaublich hohe Zahl von 162 Spielen gibt. Glück ist ein derart großer Faktor, dass es viele Spiele braucht, um tatsächlich die besten Teams herauszufiltern. Ansonsten wäre es nur Glück, wer am Ende der Saison an der Spitze steht.

Leider berücksichtigen wir das selten in unseren eigenen Entscheidungen.

Schach vs. Poker

Was hat das Ganze nun mit Schach und Poker zu tun? Und wie beeinflusst das unser Leben?

Beim Schach sind alle Informationen auf dem Board und es gibt den einen besten Spielzug. Dieser eine Spielzug bringt dich in eine vorteilhafte Position.

Im Poker hingegen musst du mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten und hast nun mal nicht alle Informationen. Du kannst die beste Entscheidung treffen und trotzdem verlieren.

Genau wie auch im echten Leben.

Bei großen Entscheidungen sind wir grundsätzlich zögerlich. Wir warten immer auf noch mehr Information, um definitiv die richtige Wahl zu treffen. Doch dieser Moment kommt nicht.

Wir schieben die Entscheidung weiter und weiter auf, bis das Problem noch größer wird oder die Chance verstrichen ist.

Speziell intelligente Menschen neigen dazu, jede Situation überzuanalysieren. So lähmen sie sich selbst. Sie kommen nicht ins Tun, da sie immer auf der Suche nach weiteren Informationen sind.

Die Sammlung von Informationen als versteckte Form der Prokrastination. Und keine Entscheidung zu treffen ist auch eine Entscheidung. Leider häufig die schlechteste.

Wir müssen uns daran gewöhnen, auch dann aktiv zu werden, wenn wir uns unsicher sind.

Die Entscheidung zu treffen ist was zählt. Nicht das Ergebnis.

Und noch viel wichtiger: Du kannst im Leben so oft spielen wie du willst. Die Versuche kosten kein Geld, sondern vielmehr Einsatz und die Bereitschaft zu scheitern und bloßgestellt zu werden.

Doch je mehr du bereit bist, dieses Risiko zu nehmen, desto öfter bekommst du die Möglichkeit zu gewinnen.

Wenn du eine spannende Person anschreibst, aber keine Rückmeldung erhältst, war das keine schlechte Entscheidung. Wenn du eine Person ansprichst, die dir gefällt, du aber einen Korb bekommst, war das keine schlechte Entscheidung (vorausgesetzt, du warst höflich und nicht aufdringlich).

Die Payoffs sind asymmetrisch. Der gescheiterte Versuch kostet nicht viel. Klar bist du vielleicht gekränkt, aber du könntest auch stolz sein, dich überwunden zu haben. Denn wenn es einmal klappt, macht es all die Fehlversuche mehr als wett.

Bei größeren, wegweisenden Entscheidung ist es hilfreich, sich Folgendes klar zu machen:

Es gibt nicht die eine richtige Entscheidung.

Vielmehr entscheidest du dich zwischen mehreren guten Alternativen. Und es ist deine Aufgabe, deine Entscheidung zur richtigen zu machen.

Das Ziel ist nicht, die eine perfekte Entscheidung zu treffen. Die gibt es nicht. Das Ziel ist, sich Chancen zu erarbeiten und viele kleine Entscheidungen zu treffen. Ins Tun zu kommen, ohne sich selbst zu lähmen.

Fang an, dein Leben proaktiv zu gestalten. Aus Misserfolgen lernst du und bereits das Treffen der Entscheidung ist ein Erfolg.


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